Das Leben im Dazwischen

Das Leben im Dazwischen

«Krebs ist für mich keine Krankheit. Krebs ist mein Zustand.»

Als Alessandra diesen Satz sagt, bleibt er bei mir hängen. Nicht nur wegen seiner Klarheit, sondern weil er etwas beschreibt, das in den üblichen Erzählungen über Krebs oft verloren geht.

Wir sprechen über Krebs häufig in Bildern des Krieges. Menschen kämpfen gegen Krebs, besiegen ihn oder verlieren den Kampf. Der Krebs wird zum Feind erklärt, der Körper zum Schlachtfeld. Doch was, wenn diese Sprache nicht passt? Was, wenn jemand gar nicht kämpfen möchte?

Eine Freundin, die an Krebs erkrankt war, sagte einmal zu mir: «Diese Kampfparolen machen mich fertig. Was ist, wenn ich gar nicht in den Krieg ziehen will? Ich bin vom Herzen aus Pazifistin.»

Die Metapher des Kampfes verspricht Kontrolle. Sie unterteilt die Welt in Sieger und Verlierer. Das Erleben vieler Betroffener ist jedoch komplizierter. Krebs verschwindet nicht einfach aus dem Leben, selbst wenn Therapien erfolgreich sind. Er verändert Beziehungen, Routinen, Zeitgefühle und die Wahrnehmung des eigenen Körpers.

Alessandra beschreibt Krebs deshalb nicht als Gegner, sondern als Zustand.

Der Begriff gefällt mir, weil er etwas Vorläufiges enthält. Niemand ist Krebs. Niemand sollte auf eine Diagnose reduziert werden. Zustand meint vielmehr: So ist es gerade. Eine Gegenwart, die sich verändern kann. Ein Leben zwischen Hoffnung und Sorge, zwischen Stabilität und Unsicherheit, zwischen Kontrolle und Kontrollverlust.

Wer mit Krebs lebt, befindet sich oft in einem Dazwischen. Selbst dann, wenn medizinisch alles gut aussieht, bleibt etwas zurück. Eine Aufmerksamkeit gegenüber dem Körper. Eine Wachsamkeit. Eine Unruhe. Krebs wird so weniger zu einem Ereignis als zu einer Form des Unterwegsseins.

Gestaltung im Dazwischen

Wenn Krebs ein Zustand ist, stellt sich eine andere Frage: Wie gestaltet man für Menschen in diesem Zustand?

Nicht gegen Krebs. Nicht als Lösung für Krebs. Sondern für das Leben mit Krebs.

Aus Gesprächen mit Alessandra und vielen weiteren Betroffenen entstand genau aus dieser Überlegung die Idee zur InBetween-Kollektion. Der Name beschreibt einen Raum dazwischen: zwischen Diagnose und Therapie, zwischen Fürsorge und Selbstständigkeit, zwischen Verletzlichkeit und Handlungsfähigkeit, zwischen Alltag und medizinischer Behandlung.

Viele Betroffene erzählten von Situationen, in denen sie sich nicht krank fühlten, aber durch Therapien, Untersuchungen oder Spitalaufenthalte immer wieder auf ihre Krankheit reduziert wurden. Sie berichteten von Kälte während Infusionen, von unbequemer Patient, von Umkleidesituationen, die Scham erzeugen, und von dem Wunsch, trotz allem sie selbst zu bleiben.

Die Antwort darauf war keine weitere medizinische Lösung, sondern eine textile Begleitung.

Die InBetween-Kollektion versteht Kleidung als etwas, das mit dem Zustand mitgeht. Die Stücke ermöglichen Zugänge für Therapien, Untersuchungen und Behandlungen, ohne dass Menschen sich vollständig entkleiden müssen. Sie unterstützen Privatsphäre, Komfort und Beweglichkeit. Vor allem aber versuchen sie, etwas zu erhalten, das in medizinischen Settings leicht verloren geht: das Gefühl, nicht nur Patient zu sein.

Als wir die ersten Prototypen auf einer Krebs-Convention in Berlin zeigten, hörten wir immer wieder ähnliche Sätze:

«Das hätte ich gebraucht.»

«Hätte ich gewusst, dass es so etwas gibt, hätte ich mich nicht ständig ausziehen müssen.»

«Es fühlt sich an, als wäre dieser Stoff auf meiner Seite.»

Vielleicht beschreibt genau dieser letzte Satz, worum es geht. Die Kollektion will nicht heilen. Sie will nichts versprechen. Sie will den Krebs nicht besiegen.

Sie versucht vielmehr, einen Zustand bewohnbarer zu machen.

Denn wenn Krebs für viele Menschen ein Dazwischen bedeutet, dann braucht es vielleicht auch Dinge, die genau dort ihren Platz haben: zwischen Cocooning und Kontrolle, zwischen Schutz und Offenheit, zwischen Unsicherheit und Zuversicht.

Eben InBetween.

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