Falsche Worte können verletzen. Falsche Kleidung auch.

Falsche Worte können verletzen. Falsche Kleidung auch.

Auf den ersten Blick haben Worte und Kleidung wenig miteinander zu tun. Das eine hören wir, das andere tragen wir. Doch beides spricht zu uns und auch zu anderen. Beides vermittelt, wie wir eine Situation, einen Körper und einen Menschen wahrnehmen. Und gerade bei Krankheit wird Sprache besonders wirksam. «Den Krebs bekämpfen», «den Tumor besiegen», «den Kampf gewinnen»: Medizinische Sprache ist bis heute stark von militärischen Metaphern geprägt. Wir sprechen vom Feind, von Angriffen, vom Kampf und vom Sieg. Solche Bilder können Kraft geben. Sie können aber auch Druck erzeugen. Was passiert mit Menschen, die nicht kämpfen möchten? Oder die trotz aller Anstrengung nicht «gewinnen»? Sprache beschreibt Wirklichkeit nicht nur. Sie gestaltet sie mit. Und genau das gilt auch für Design.

Empathie zeigt sich in Sprache.

Kleidung ist niemals nur etwas, das einen Körper bedeckt. Sie steht in Beziehung zum Körper, zur Situation, zum sozialen Umfeld und zum Alltag. Sie kann schützen, verbergen, öffnen oder sichtbar machen. Sie kann Selbstverständlichkeit herstellen – oder einen Menschen plötzlich als Patient markieren und damit auch reduzieren. Das gilt besonders dann, wenn der Körper durch Krankheit verändert und verletzlich wird und Identität beginnt zu zerbröseln. Ein Spitalhemd erzählt eine andere Geschichte als ein Kleidungsstück, das wir selbst gewählt haben. Ein Handtuch, das uns bei der Chemo pragmatisch wärmt, kommuniziert etwas anderes als eine Jacke, die wir auch nach der Behandlung auf der Strasse tragen würden. Die Psychoonkologie macht diese ganzheitliche Perspektive sichtbar: Sie berücksichtigt neben der körperlichen Behandlung auch die psychischen, sozialen und emotionalen Auswirkungen einer Krebserkrankung – und damit das Leben des Menschen jenseits der Diagnose.

Mode kann dabei sogar Wissen vermitteln. Eine Chemo-Mütze schützt nicht nur eine empfindliche Kopfhaut, ein Shirt mit Klettverschluss ermöglicht nicht nur einen einfacheren Zugang zum Port. Formen, Materialien und Produktbeschreibungen können zugleich vermitteln, was während einer Therapie mit dem Körper passiert. Kleidung wird damit zu einer Sprache, die informiert, begleitet und unterstützt.

Was bieten wir Menschen für einen Sprachstil an?

Die Frage klingt banal. Ist sie aber nicht, denn in einer unplanbaren Lebensphase können Stile verpackt in Wort und Kleid zu Momenten der Selbstbestimmung werden: Wie möchte ich angesprochen werden? Wie möchte ich gelesen werden? Was möchte ich zeigen, was verbergen? Was fühlt sich nach mir an? Möchte ich Mitleid, Mitgefühl – oder einfach als der Mensch gesehen werden, der ich bin: ein Mensch im Dazwischen, unterwegs auf einer unplanbaren Gesundheitsreise? Schliesslich macht es einen Unterschied, ob jemand sagt: «Du wirst den Krebs besiegen.» Oder: «Versuche, so gut es geht, nach vorne zu schauen.» Das eine nimmt den Ausgang vorweg. Das andere lässt Raum.

Veränderte und achtsame Sprachnarrative können unterstützen. Gerade bei Krebs ist die Wirkung von Sprache nicht nebensächlich: Forschung zu Metaphern zeigt, dass militärische Bilder wie «Kampf», «Angriff» oder «Sieg» beeinflussen können, wie Menschen Krankheit und Behandlung wahrnehmen. Für manche können sie stärkend sein, für andere erzeugen sie zusätzlichen Druck oder das Gefühl, persönlich versagt zu haben, wenn die Behandlung nicht erfolgreich ist. Sprache sollte deshalb nicht vorschreiben, wie Menschen ihre Erkrankung zu erleben haben.

Ähnliches zeigt sich bei Kleidung. Studien zum klassischen Patientengown beschreiben, dass standardisierte Spitalbekleidung mit Gefühlen von Verletzlichkeit, einem Verlust von Identität, Autonomie und Würde verbunden sein kann. Umgekehrt bevorzugten Patient:innen in Untersuchungen Kleidung, die mehr Komfort, Funktionalität und persönliche Wahlmöglichkeiten bietet. Eine aktuelle systematische Übersicht bestätigt, dass von krankheitbetroffene Menschen neben Funktion und Sicherheit auch Würde, Identität, Autonomie und Individualität als zentrale Anforderungen an pflegemedizinische Kleidung nennen.

Die Frage ist deshalb nicht nur: Was funktioniert? Sondern auch: Wie fühlt es sich an, wie werde ich angesprochen – und wie möchte ich mich in dieser Situation erleben?

Was wir sagen, macht einen Unterschied. Was wir Menschen anbieten auch.

Wir sprechen viel über achtsame Kommunikation: über die Worte, Bilder und Metaphern, die wir gegenüber Menschen mit Krebs verwenden. Vielleicht sollten wir dieselbe Aufmerksamkeit auf die Dinge richten, die wir gestalten. Denn auch ein Kleidungsstück kann sagen: Du bist krank. Oder: Du bist mehr als deine Krankheit. Es kann sagen: Das musst du jetzt eben aushalten. Oder: Wir haben mitgedacht. Es kann den Körper zum medizinischen Objekt machen – oder ihm ein Stück Selbstwirksamkeit zurückgeben. Genau hier setzen unsere Care Wear und die Kampagne «Falsche Worte können verletzen. Falsche Kleidung auch.» an.

Die InBetween Care Wear Collection von finally. entstand aus der konkreten Erfahrung von Krankheit und Therapie. Gemeinsam mit der Krebspatientin und Co-Forscherin Alessandra Finozzi wurden Situationen untersucht, in denen Kleidung Teil der medizinischen Infrastruktur wird: Chemotherapie, Bestrahlung, Untersuchungen, Operationen, Infusionen und Rehabilitation. Dabei treffen medizinische Abläufe häufig auf eine Wort- und Materialsprache, die sich ohnmächtig anfühlen kann. Deshalb geht es nicht nur um die Frage: Funktioniert das, erfüllt es seinen Zweck? Sondern auch: Wie fühlt es sich an? Was macht es mit der Person, die diese Worte hört und diese Kleidung trägt?

Vielleicht beginnt gute Care ganz einfach damit, genauer hinzuschauen und hinzuhören.

Auf die Worte.
Auf die Körper.
Auf die Bedürfnisse.
Auf die kleinen Dinge InBetween.

Go oder No-Go?

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Weiterführende Quellen:

Systematic Review: Beyond the hospital gown – Frontiers in Health Services

Finding common threads: How patients, physicians and nurses perceive the patient gown – Penn State

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